IATA in Rio: Brasilien soll zum SAF-Zentrum werden
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste auf einen Blick
Beim 82. IATA-Jahrestreffen in Rio de Janeiro am 8. Juni 2026 hat der Weltluftfahrtverband Brasilien als künftigen Schlüsselakteur bei Sustainable Aviation Fuel (SAF) positioniert. Das Land verfügt über ein Biomasse-Feedstock-Potenzial von rund 180 Mt bis 2050, aus dem sich etwa 60 Mt SAF erzeugen ließen. Schon bis 2030 wären rund 12 Mt SAF möglich, was dem Fünffachen der für 2026 geschätzten globalen SAF-Produktion von 2,4 Mt entspricht. Aktuell laufen rund 15 SAF-Projekte in Brasilien. Damit aus dem Potenzial Realität wird, braucht es gezielte Infrastrukturinvestitionen, eine klug sequenzierte Förderpolitik sowie die Einbindung in internationale Rahmenprogramme wie CORSIA.
IATA kürt Brasilien zum SAF-Kraftzentrum der Zukunft ✈
Auf ihrer 82. Annual General Meeting in Rio de Janeiro hat die International Air Transport Association (IATA) am 8. Juni 2026 ein klares Signal an die globale Luftfahrt gesendet: Brasilien hat aus Sicht des Verbandes das Zeug zum weltweiten Kraftzentrum für nachhaltigen Flugkraftstoff. Dabei steht das Kürzel SAF für Sustainable Aviation Fuel, also nachhaltigen Flugkraftstoff aus biologischen oder synthetischen Quellen, der gegenüber fossilem Kerosin deutlich weniger CO2 verursacht und damit der zentrale Hebel auf dem Weg zur klimaneutralen Luftfahrt ist.
Die IATA repräsentiert über 370 Fluggesellschaften, die zusammen rund 85 Prozent des weltweiten Luftverkehrs abdecken. Wenn dieser Verband ein einzelnes Land zum potenziellen Leitmarkt erklärt, hat das Gewicht. Im Rahmen des branchenweiten Commitments, bis 2050 Netto-Null-CO2-Emissionen zu erreichen, wird die SAF-Versorgung zur Schlüsselfrage. Brasilien als Gastgeberland der Jahreshauptversammlung steht damit nicht zufällig im Mittelpunkt: Der Veranstaltungsort Rio de Janeiro bildet den symbolischen Rahmen, in dem die Luftfahrt ihren Blick auf Südamerika als möglichen Energie-Hub der Zukunft richtet. Mehr Hintergründe zur nachhaltigen Entwicklung im Flugverkehr findest du in unserer Kategorie.
IATA-Generaldirektor Willie Walsh betonte, Brasilien verfüge über alle Zutaten, um ein globales SAF-Kraftzentrum zu werden: einen der saubersten Strommixe der Welt, reichlich Rohstoffe und tiefes Know-how als zweitgrößter Produzent flüssiger Biokraftstoffe. Mit den richtigen politischen Weichenstellungen in der richtigen Reihenfolge sei das Land bereit, den Markt anzuschieben, Arbeitsplätze zu schaffen, die Abhängigkeit von fossilen Importen zu reduzieren und neue Industrien aufzubauen.
Die Zahlen hinter dem Potenzial: Feedstock, SAF-Volumen und globaler Vergleich
Die Größenordnung, die die IATA für Brasilien skizziert, ist beachtlich. Bis 2050 könnte das Land ein nachhaltig nutzbares Biomasse-Feedstock-Potenzial von rund 180 Millionen Tonnen (Mt) entwickeln. Daraus ließen sich etwa 60 Mt SAF erzeugen. Zum Vergleich: Die globale Luftfahrt benötigt laut IATA insgesamt rund 500 Mt SAF pro Jahr, um ihr Net-Zero-Ziel bis 2050 zu erreichen. Brasilien allein könnte also rund 12 Prozent dieses weltweiten Bedarfs abdecken.
Bereits bis 2030 ergibt sich aus zuckerbasiertem Ethanol sowie aus Frisch- und Abfallölen ein Feedstock-Potenzial von rund 18 Mt, was einer SAF-Produktion von circa 12 Mt entspricht. Diese Zahl gewinnt ihre volle Wucht erst im Vergleich: Die für 2026 geschätzte globale SAF-Produktion liegt bei lediglich 2,4 Mt. Brasiliens 2030er-Potenzial entspricht damit dem Fünffachen des heutigen Weltmarkts. Aktuell sind rund 15 SAF-Projekte im Land in Umsetzung oder Planung. Würden sie alle realisiert, kämen etwa 2 Mt SAF an zusätzlicher Kapazität online, ein erster, konkreter Schritt aus der Potenzialdebatte in die Realität.
| Zeitraum / Referenz | Feedstock-Potenzial | SAF-Produktionspotenzial | Globaler Vergleich |
|---|---|---|---|
| Brasilien bis 2030 | ~18 Mt (Ethanol, Frisch-/Abfallöle) | ~12 Mt SAF | ca. 5x globale SAF-Produktion 2026 (2,4 Mt) |
| Brasilien bis 2050 | ~180 Mt Biomasse | ~60 Mt SAF | ca. 12 % des globalen Bedarfs (500 Mt) für Net Zero |
| Laufende Projekte (2026) | 15 Projekte in Umsetzung/Planung | ~2 Mt SAF (bei Vollrealisierung) | Erster konkreter Markthochlauf |
| Globale SAF-Produktion 2026 | — | ~2,4 Mt (Schätzung) | Referenzwert / Basisjahr |
Wichtig ist die methodische Einordnung: Alle IATA-Schätzungen basieren ausschließlich auf identifizierten und verifizierten Feedstock-Quellen, die strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Dazu zählen unter anderem Vorgaben zu Landnutzungsänderungen und zur Sicherung der Flächen für die Nahrungsmittelproduktion. Die Zahlen gelten damit als bewusst konservativ. In einem Land der Größe Brasiliens dürfte zusätzlich erhebliches, bislang nicht erfasstes Feedstock-Potenzial vorhanden sein.
Warum Brasilien besonders gut aufgestellt ist: Wettbewerbsvorteile im Überblick

Brasiliens Stärke beruht nicht allein auf Rohstoffmengen. Das Land ist heute der zweitgrößte Produzent flüssiger Biokraftstoffe weltweit und verfügt über jahrzehntelange Ethanol-Expertise, die in der Zuckerrohrwirtschaft gewachsen ist. Dazu kommen eine etablierte Raffinerieinfrastruktur sowie einer der saubersten Strommixe der Welt, was für die energieintensiven Konversionsschritte ein klarer Vorteil ist. Diese Kombination ergibt eine industriell tragfähige Basis, auf der zwei SAF-Pfade besonders gut skalieren können: HEFA (Hydroprocessed Esters and Fatty Acids), also die hydroprozessierte Verarbeitung von Fetten und Ölen, sowie Ethanol-to-Jet, bei dem das vorhandene Zuckerrohr-Ethanol in Flugkraftstoff umgewandelt wird.
Aus dieser Ausgangslage ergibt sich eine Perspektive, die über die reine Eigenversorgung hinausgeht: Brasilien könnte mittelfristig vom SAF-Produzenten zum SAF-Nettoexporteur werden. Damit verbunden ist eine wirtschaftliche Wertschöpfungskette, die von Landwirtschaft und Feedstock-Entwicklung über Logistik und Infrastruktur bis hin zu Raffinerien, Kraftstoffproduktion und neuen Exportprodukten reicht. Die wirtschaftlichen Nebeneffekte könnten transformativ sein und reichen von neuen Arbeitsplätzen über Energiesicherheit und Unabhängigkeit von Importen bis hin zu Bodenverbesserung und gestärkten lokalen Gemeinschaften.
- Platz 2 weltweit bei der Produktion flüssiger Biokraftstoffe
- Jahrzehntelange Ethanol-Expertise aus der Zuckerrohrwirtschaft
- Etablierte Raffinerie- und Logistikinfrastruktur
- Einer der saubersten Strommixe weltweit, relevant auch für Power-to-Liquid-Pfade
- Großes, noch nicht vollständig kartiertes Feedstock-Potenzial
- Geografische Größe ermöglicht räumliche Trennung von Energie- und Nahrungsmittelproduktion
Was Brasilien jetzt tun muss: Infrastruktur, Politik und internationale Standards
So groß das Potenzial ist, so wenig läuft es von allein. Die SAF-Produktion in Brasilien befindet sich nach IATA-Einschätzung noch in einer frühen Phase. Damit aus den prognostizierten Tonnen reale Marktvolumina werden, benennt der Verband drei Handlungsfelder. Erstens braucht es Infrastruktur: Konversionstechnologien müssen ausgerollt, Anlagen finanziert und die Logistik so verbessert werden, dass Feedstock-Quellen und Produktionsstandorte effizient verbunden sind. Zweitens müssen politische Anreize wirken, etwa über gezielte Produktionsanreize, stärkere Finanzierungsmechanismen und die Angleichung an globale Nachhaltigkeitsstandards. Drittens spielt ein Book-and-Claim-System mit handelbaren SAF-Zertifikaten eine zentrale Rolle. Brasiliens Programm Fuel of the Future, namentlich ProBioQAV, soll diese Elemente integrieren und sie mit Nutzungspflichten für Airlines kombinieren.
Marie Owens Thomsen, Senior Vice President Sustainability und Chief Economist der IATA, hat dazu eine deutliche Warnung formuliert: Die Reihenfolge der Maßnahmen ist entscheidend. Erst muss ausreichend SAF verfügbar sein, bevor verpflichtende Nutzungsquoten greifen. Wer den Aufbau der Lieferketten überspringt und direkt zu Mandaten greift, riskiere kontraproduktive Effekte, etwa Preisspitzen, Engpässe und Glaubwürdigkeitsverluste. Genauso wichtig ist die Anschlussfähigkeit an internationale Programme. Eine Ausrichtung an CORSIA, dem Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation, sichert den globalen Marktzugang für brasilianisches SAF und macht es als CO2-Reduktionsmaßnahme international anrechenbar.
Das Book-and-Claim-System: Warum es für Brasilien so wichtig ist
Book-and-Claim entkoppelt die physische Nutzung von SAF an Bord eines konkreten Flugzeugs von der bilanziellen Anrechnung in der CO2-Bilanz einer Airline. Eine Fluggesellschaft kann SAF-Zertifikate erwerben, auch wenn das Produkt physisch an einem anderen Ort in das Treibstoffsystem eingespeist wurde. Für ein Exportland wie Brasilien ist das ein Schlüsselmechanismus: Abnehmer weltweit können brasilianisches SAF in ihre Nachhaltigkeitsbilanz aufnehmen, ohne dass es per Tanker oder Pipeline zu jedem Flughafen wandern muss. ProBioQAV soll genau dieses System national verankern und gleichzeitig CORSIA-konform ausgestalten, um die Brücke zwischen brasilianischer Produktion und internationaler Nachfrage zu schlagen.
Was das für Flugreisende bedeutet: SAF-Hochlauf und die Reise von morgen ✈
Für Reisende ist SAF mehr als ein Branchenkürzel. Je nach Produktionspfad und Feedstock kann nachhaltiger Flugkraftstoff die CO2-Emissionen einer Flugreise gegenüber fossilem Kerosin um bis zu rund 80 Prozent reduzieren. Sollte Brasilien bis 2030 tatsächlich rund 12 Mt SAF in den Markt bringen, würde das die globale Verfügbarkeit grundlegend verändern. Mit dem Hochlauf der Produktion dürften auch die heute noch hohen SAF-Preise durch Skaleneffekte sinken, was den Einsatz für Airlines wirtschaftlicher und für Tarifgestaltungen attraktiver machen könnte.
Über Book-and-Claim könnten Fluggesellschaften aus aller Welt brasilianisches SAF in ihre Nachhaltigkeitsbilanz einbuchen, ohne komplexe physische Lieferlogistik aufbauen zu müssen. Daraus könnten mittelfristig CO2-ärmere Tarifoptionen entstehen, die Reisende aktiv wählen können. Besonders relevant wären solche Angebote auf interkontinentalen Strecken, etwa zwischen europäischen Hubs und Südamerika. Spürbar dürften die Effekte für Endkundinnen und Endkunden ab dem Hochlaufjahr 2030 werden, wenn sich die SAF-Volumina der von der IATA skizzierten Zielmarken nähern.
Was die Pressemitteilung offenlässt: Offene Fragen und Einschränkungen
So überzeugend die IATA-Botschaft klingt, ein paar Leerstellen bleiben. Die rund 15 laufenden SAF-Projekte werden nicht namentlich aufgeführt. Damit bleibt unklar, in welcher Reifephase sie sich befinden, welche Investitionsvolumina dahinterstehen und welche Akteure die Federführung haben. Auch der konkrete Umsetzungszeitplan des Fuel-of-the-Future-Frameworks und seines Programms ProBioQAV wird nicht benannt, ebenso wenig ein verbindlicher Zeitplan für die vollständige CORSIA-Einbindung Brasiliens.
Hinzu kommt die methodische Selbstbeschränkung: Die Schätzungen basieren ausschließlich auf konservativ verifizierten Feedstock-Quellen. Das tatsächliche Potenzial könnte deutlich höher liegen, gleichzeitig aber auch durch Landnutzungskonflikte, regulatorische Unwägbarkeiten oder politische Instabilität begrenzt werden. Strukturelle Risiken wie mögliche Konkurrenzen zwischen SAF-Feedstock und Nahrungsmittelproduktion werden in der Quelle nicht vertieft. Auch die Frage, wann und an welche Märkte Brasilien SAF exportieren könnte, bleibt strategisch interessant, aber konkret offen.
Brasilien an der Startbahn zur SAF-Führungsrolle
Die IATA-Ansage von Rio de Janeiro am 8. Juni 2026 setzt einen klaren Marker: Brasilien hat die natürlichen Ressourcen, die industrielle Expertise und die strategische Position, um die Dekarbonisierung der globalen Luftfahrt maßgeblich mitzugestalten. Ob aus dem Potenzial ein tatsächlicher Marktführer wird, dürfte weniger an den Tonnen Feedstock hängen als an der Konsequenz und Sequenz der Wirtschafts- und Energiepolitik in den kommenden Jahren. Die Luftfahrtbranche und mit ihr Millionen von Flugreisenden werden diese Entwicklung aufmerksam verfolgen, denn am Ende entscheidet sie mit darüber, wie klimaverträglich die Reisen von morgen sein können. Achtest du bei der Buchung deiner Flüge bereits auf SAF-Optionen oder CO2-Ausgleichsangebote, oder ist dir das aktuell noch nicht wichtig genug?
Häufige Fragen zu SAF und Brasiliens Rolle
Was ist SAF und warum ist es für die Luftfahrt so wichtig?
SAF (Sustainable Aviation Fuel) ist nachhaltiger Flugkraftstoff, der aus biologischen Quellen wie Pflanzenölen, Ethanol oder Abfällen oder synthetisch hergestellt wird. Im Vergleich zu fossilem Kerosin kann er die CO2-Emissionen einer Flugreise je nach Produktionspfad um bis zu rund 80 Prozent reduzieren. Da Elektroantriebe für Langstreckenflüge auf absehbare Zeit nicht skalierbar sind, gilt SAF als zentrales Instrument auf dem Weg zur klimaneutralen Luftfahrt bis 2050.
Was ist CORSIA und warum ist die Einbindung Brasiliens relevant?
CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation) ist das globale CO2-Kompensations- und Reduktionsprogramm der ICAO für den internationalen Luftverkehr. Wer SAF produziert und exportiert, benötigt CORSIA-konforme Nachweise, damit Airlines die SAF-Nutzung international anrechnen können. Brasiliens ProBioQAV-Programm soll genau diese Kompatibilität sicherstellen.
Was bedeutet Book-and-Claim im SAF-Kontext?
Book-and-Claim ist ein System handelbarer SAF-Zertifikate, das die physische Nutzung von SAF an Bord von der Anrechnung in der CO2-Bilanz einer Airline trennt. Eine Fluggesellschaft kann SAF-Zertifikate erwerben, auch wenn der Treibstoff physisch an einem anderen Ort in das Tanksystem eingespeist wurde. Das erleichtert den globalen Handel mit nachhaltigem Flugkraftstoff erheblich.
Wie viel SAF braucht die globale Luftfahrt bis 2050?
Laut IATA benötigen die Fluggesellschaften weltweit rund 500 Millionen Tonnen SAF pro Jahr, um das gemeinsame Net-Zero-CO2-Ziel bis 2050 zu erreichen. Die geschätzte globale SAF-Produktion im Jahr 2026 liegt bei lediglich rund 2,4 Mt. Der nötige Hochlauf ist also enorm.
Welche SAF-Produktionspfade sind für Brasilien besonders relevant?
Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur und Rohstoffbasis sind für Brasilien vor allem zwei Pfade relevant: HEFA (Hydroprocessed Esters and Fatty Acids), also die hydroprozessierte Umwandlung von Fetten und Ölen, sowie Ethanol-to-Jet, bei dem das langjährig produzierte Zuckerrohr-Ethanol in Flugkraftstoff umgewandelt wird. Beide Pfade profitieren von bereits bestehenden Produktions- und Logistikstrukturen.
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